"I Need You to Survive"

Sweet Chariot, Düsseldorf auf Gospeltour durch die Vereinigten Staaten von Amerika

von Hans-Josef Speen

Stichtag war der 20. Februar 2003, denn auf dieses Datum hatten sich alle unsere Gedanken, Vorbereitungen und Proben gerichtet. Mit diesem Datum waren Erwartungen, Hoffnungen, Neugier, aber auch Besorgnis verknüpft. Wie würde die Reise verlaufen in dieser angespannten Phase vor dem Irakkrieg? Welche Menschen würden wir treffen auf unserer Tournee? Wie würden sie reagieren auf unsere Musik und die darin enthaltene Botschaft? Heißt es nicht Eulen nach Athen tragen, wenn ein weißer Gospelchor aus Deutschland Schwarzamerikanern ihre ureigenste Musik vorträgt? Ist der Flop da nicht schon vorprogrammiert? Diese und noch viele andere Fragen stellten sich uns im Vorfeld unserer zwölftägigen Reise in die Staaten.

Dann war es soweit: 60 Sängerinnen und Sänger fanden sich mit ihrer Chorleiterin Angelika Rehaag zu nachtschlafender Zeit mit Sack und Pack am Flughafen Düsseldorf ein, um über Frankfurt nach Washington, D.C. zu fliegen. Einige Chormitglieder, die selber nicht mitreisen konnten, verabschiedeten uns mit Kaffee und belegten Brötchen. Eine gelungene Uberraschung, die dankbar angenommen wurde! Der Security Check war schneller als erwartet beendet. Unsere Besorgnis ließ etwas nach, zumal uns berichtet wurde, dass Washington im Moment der sicherste Ort der Welt sei.

Dies gab Raum für unsere wachsende Vorfreude. Nach einem ruhigen Flug, bei dem sich jeder entspannte, seinen Gedanken hingab oder Kontakte vertiefte und knüpfte, landeten wir sicher und wohlbehalten in Washington, was einige Tage zuvor noch gar nicht so selbstverständlich schien, da die amerikanische Hauptstadt nach dem größten Schneesturm seit 1920 im Schnee zu versinken drohte. Die Einreisekontrollen waren streng, jedoch nicht ohne Humor. Als ein Bediensteter den Namen unseres Chores las, stimmte er "Swing low, sweet chariot" an. Auch der Empfang durch Jerry Thomas, unserem Tourmanager, Eddy, dem Mädchen für alles, und Timothy Carpenter, unserem Pianisten, die uns fortan begleiten würden, war sehr herzlich.

Auf unserer Fahrt ins Hotel bekamen wir einen ersten Eindruck von Washington: Schneeberge türmten sich auf den Bürgersteigen; nur wenige Menschen waren auf den Straßen; die Häuser waren bei weitem nicht so hoch wie erwartet; grelle, bunte Lichtreklame fehlte. Insgesamt eine saubere, wenig hektische, aufgeräumte Stadt.

Kaum in unserem schönen Hotel angelangt, hieß es schon wieder hinein in den Bus und ab zu unserer ersten Probe in einer kleinen Kirche in einem Vorort von Washington. Eigentlich hätten wir uns ja lieber schlafen gelegt, denn die 6 Stunden Zeitverschiebung machten sich bemerkbar. Mitten in der Nacht Gospel singen! Welch eine verrückte Idee! Doch der Empfang durch den Pfarrer und einige Gemeindemitglieder war sehr warmherzig, und als wir dann loslegten, sprangen alle auf, tanzten, riefen und sangen mit. Diese Reaktion hätten wir so nicht erwartet. Doch sie half uns, unsere Müdigkeit zu vergessen und unser Letztes zu geben. Nach einem reichhaltigen Abendessen, das man für uns zubereitet hatte, fuhren wir glücklich und erschöpft ins Hotel zurück.

Da einige Konzerttermine abgesagt worden waren, sei es wegen des Schnees oder der unsicheren politischen Lage, hatten wir recht viel Freizeit und verbrachten die nächsten Tage mit Proben, Sightseeing und Shopping.

Am Sonntag schließlich waren wir zu Gast in der "Metropolitan Baptist Church", der Kirche der Gospelikone Richard Smallwood. Nach einer Führung durch eine Ausstellung über die Geschichte der Schwarzen in Amerika anläßlich des "Black History Month", betraten wir die Kirche und nahmen im Chorraum hinter dem Predigerpult Platz. Welch ein überwältigender Anblick! Hier war alles einfach nur groß! Auf den Emporen waren mehrere Kameras aufgebaut, denn der Gottesdienst sollte in die ganze Welt ausgestrahlt werden. Schilder wie "Bitte keine Kaugummis kauen! Nicht schlafen! Bitte lächeln, Sie werden gefilmt!" wiesen auf die Bedeutungsschwere dieser Stunde hin. Und hier sollten wir singen? Leichtes Unbehagen beschlich uns. Die Kirche war samt riesiger Empore gefüllt mit Menschen. Doch die Resonanz auf unser erstes Lied war überwältigend. Bereits am Intro erkannten die Gläubigen den Song, standen auf, klatschten, tanzten und sangen mit. Das Eis war gebrochen! Selbst "Healing" von Richard Smallwood sangen wir mit großem Selbstbewußtsein, und der Komponist sang die Solopartien mit! Welche Ehre! Überrascht waren die Zuhörer, als wir "Lord, I Know I've Been Changed" in einer eigenwilligen Interpretation vortrugen. Gelächter und Jubel waren hier die Reaktion und würden es auch in Zukunft in immer gleicher Weise sein.

Ungewöhnlich für unsere Ohren war die Predigt: lang, temperamentvoll und von bekräftigenden Zwischenrufen bestätigt. Für Gehörlose wurden Texte und Gesänge hier, wie in vielen Kirchen in die Gebärdensprache übersetzt. Der Gottesdienst war so interessant, dass kaum einer merkte, dass er vier Stunden dauerte. Am Ende langanhaltender Applaus und endloses Händeschütteln beim Auszug aus der Kirche. Leider waren längere Gespräche nicht möglich, denn ein weiterer Gottesdienst wartete auf uns in der "Greater First Baptist Church", wo wir ebenfalls sehr herzlich aufgenommen wurden. Damen in Rot beköstigten uns nach einem erfrischend belebenden Gottesdienst mit einem riesigen Buffet mit selbstgemachten Speisen.

Mittlerweile war es Abend geworden, und unser Tourneebus fuhr uns zur "Greater Little Zion Baptist Church", die nicht mehr in Washington D.C. , sondern bereits in Virginia liegt.

Eine Woge der Warmherzigkeit schlug uns entgegen, als wir in die Kirche einzogen. "I Need You to Survive" sang der Gemeindechor - ein Lied von Hezekiah Walker, das uns gerade in dieser Vorkriegsphase anrührte und von nun an nicht mehr loslassen würde. Auch hier ging das Publikum wunderbar mit. Für das anschließende Nachtmahl bedankten wir uns mit dem deutschen Volkslied "Guten Abend, Gut' Nacht" von Brahms.

Am 25. Februar flogen wir dann weiter nach Cleveland, Ohio, wo uns die riesigen Ausmaße des zugefrorenen Eriesees sehr beeindruckten. Hier folgten nun in den nächsten Tagen viele Konzerte, oft mehrere am Tag. Strapaziös war das schon, jedoch entschädigten uns die begeisterten Reaktionen unserer Zuhörer auch hier. Am nächsten Tag war frühes Aufstehen angesagt: um 5 Uhr ging es zu Fox TV, wo wir im Frühstücksfernsehen auftraten. Als erster weißer Gospelchor dort, noch dazu im "Black History Month" waren wir eine kleine Attraktion. Dass die Sendung trotz der morgendlichen Stunde gesehen wurde, bewies die Tatsache, dass mehrere von uns nachmittags auf der Straße wieder erkannt wurden. Sehr interessant war auch ein Konzert in einer riesigen Säulenhalle vor der Bürgermeisterin von Cleveland, die uns herzlich empfing und unserer Chorleiterin gleich mehrere Urkunden überreichte, die die Freundschaft zwischen den Bürgern von Cleveland und uns als Vertreter der Stadt Düsseldorf bezeugen sollten. Alte Freunde trafen wir auch abends im Baldwin Wallace College, wo uns Jay. T. Hairston mit seinem Studentenchor empfing, der uns im letzten Jahr anläßlich des Krefelder Gospel Musikfestivals besucht hatte. Die Atmosphäre bei unserem gemeinsamen Konzert war wie nicht anders zu erwarten einfach toll. Freunde sangen mit und für Freunde! Was kann es Schöneres geben? Der Abschied fiel allen sichtlich schwer. Doch die Nacht war kurz, denn schon um 4 Uhr sollten wir am nächsten Morgen abgeholt werden, um zu einer weiteren "Breakfast Show" zu fahren. Da es hier kein Klavier zur Begleitung gab, war dieser Auftritt zu so früher Stunde eine besondere Herausforderung für uns.

Weitere Highlights auf unserer Reise waren ein Konzert in der berühmten "Rock 'n Roll Hall of Fame" und ein Auftritt bei der "Global Peace Initiative", einer gemeinsamen Gebetsversammlung vieler Frauen aus vielen verschiedenen Religionen für den Frieden in der Welt und damit gegen den drohenden Irakkrieg. Ein sinnvolles Unterfangen, wie ich meine, und ein würdiger Abschluß unserer Konzerttournee in die USA.

Auf dem langen Rückflug über Chicago und Frankfurt nach Düsseldorf hatten wir viel Zeit, das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen und Gedanken und Gefühle aus zu tauschen.

Wir waren sicherlich alle erschöpft, doch die Erinnerung an die vielen gastfreundlichen Menschen in den Gemeinden, die sich von unserem Gesang und unserer Botschaft anstecken ließen und enthusiastisch mitfeierten, und die vielen neuen und tiefen freundschaftlichen Bande, die auch innerhalb unseres Chores geknüpft wurden, verwandelten unsere Erschöpfung in ein wohliges Gefühl der Dankbarkeit. "I Need You to Survive" ist für mich auf dieser Reise zu und mit diesen Menschen deutlich spürbare Realität geworden.